Ein dramatischer Zwischenfall – das Ende einer Traumreise..

Es geschah in der Nacht zum Sonntag, den 17.12.2017. In dem kleinen Örtchen Salento in der Kaffee-Region Kolumbiens. Sie waren zu dritt. Das Erlebte werde ich aufgrund der Brutalität und den verbleibenden Narben nicht mehr vergessen.

Ich befand mich alleine auf dem Heimweg zu meinem Hotel. Mein Bruder Dominic und meine Schwägerin Sandra, die mich in Kolumbien für drei Wochen begleiten wollten und mit denen ich schon Einiges von dem wunderbaren Land gemeinsam entdeckt hatte, waren schon in ihr Hotel zurück gekehrt. Den Samstagabend hatten wir uns mit dem Spielen von Tejo, einem indianischen Wurfspiel mit Knalleffekt, und Restaurant- und Barbesuchen auf dem zentralen und kitschig-hell erleuchteten Platz gestaltet. Aus vielen Boxen war südamerikanische Musik zu hören, die einige Paare zum Tanz anregte und mich fast vergessen machte, dass ich in wenigen Tagen mein zweites Weihnachtsfest in der Ferne feiern würde. Auch kamen wir mit den Einheimischen ins Gespräch, die uns voller Stolz erzählten, dass Salento als der sicherste Ort Kolumbiens gilt.

Arglos machte ich mich also auf den Heimweg in mein nur wenige Minuten entferntes Hotel. Beim Überqueren des Platzes nahm ich aus den Augenwinkeln war, wie mich drei Männer mit ihren Blicken fixierten, sich in Bewegung setzten und auf mich zusteuerten. In der Annahme, das durch sie eventuell eine Ansprache wegen Zigaretten oder Kleingeld erfolgen sollte, setzte ich meinen Weg unbeirrt fort.

Plötzlich, viel schneller als angenommen, hatten mich die drei Männer eingeholt. Der körperlich Stärkste versperrte mir den Weg von vorne, die anderen zwei hatten sich hinter mir aufgebaut. Ohne ein Wort zu sprechen schlug der vor mir Stehende direkt auf mich ein. Unweigerlich und instinktiv versuchte ich, mich zur Wehr zu setzen. Doch gegen die Übermacht und Schläge von allen Seiten konnte ich mich nicht lange verteidigen. Mit aller Kraft wurde ich von vorne geschubst und verlor über das von hinten gestellte Bein das Gleichgewicht. Den unausweichlichen Sturz versuchte ich durch Abstützen auf den rechten Arm abzufedern. Als ich mich auf dem Boden wiederfand, merkte ich sofort, dass etwas Schlimmes passiert war. Die verbogene Form meines Unterarms verriet mit einen Bruch, meine Widerwehr erlosch im selben Moment.

Apathisch erlebte ich, wie ich von den Schlägern auf Wertgegenstände untersucht wurde. Aus meiner Jackentasche entwendeten sie mir mein Smartphone, ein paar Zigaretten, ein Feuerzeug und den Schlüssel für mein Hotelzimmer. Ich nahm an, dass sie gleich meine Hosentaschen durchwühlen und mir meine ID und ein wenig Bargeld rauben würden. Doch hierzu sollte es nicht mehr kommen. Irgendwas schien sie zu stören. Schlagartig ließen sie von mir ab und ergriffen die Flucht.

Von der nur circa 150 Meter entfernte Polizeiwache waren mittlerweile zwei Beamte herbeigeeilt. Sie hatten den Überfall bemerkt, rannten los und durch lautes Rufen beim Heraneilen vertrieben sie die Angreifer. Dieses für mich sehr dramatische Erlebnis war beendet. Die Folgen realisierte ich nur langsam.

Die Polizisten verbrachten mich in die Krankenstation des Dorfes. Vollkommen geschockt verbrachte ich dort die Nacht. Die sich schnell einstellenden Schmerzen wurden mit Morphium gelindert. Am frühen Morgen machte sich einer der Beamten auf den Weg zum Hotel meiner Angehörigen auf, um die beiden zu informieren und herbei zu holen. Was muss es für ein Schock für sie gewesen sein, als der Hotelbedienstete an ihre Zimmertür geklopft hat mit den Worten: „Bitte kommen Sie runter. Die Polizei steht an der Rezeption. Ihr Bruder ist im Krankenhaus“?!

Mir wurde schnell klar, dass die Möglichkeiten des Dorfkrankenhauses sehr beschränkt waren und hier normalerweise nur kleinere Blessuren versorgt werden. Zu einer genaueren Untersuchung und zur weiteren Behandlung wurde ich, in Begleitung meines Bruders und meiner Schwägerin, in das Krankenhaus der nächstgrößeren Stadt namens Armenia überführt. Zur Ruhigstellung des Arms während der Fahrt wurden aus einem Pappkarton zwei Streifen herausgeschnitten und mit einem Band um den Arm gewickelt. Eine außergwöhnlich effektives, innovatives und fast schon belustigendes Hilfsmittel, was mir allerdings in dem Moment nur Sorgen über die medizinischen Standards in Kolumbien bereitete.

Nach der Fertigung einer Röntgen-Aufnahme wurde diese durch eine Ärztin in Augenschein genommen. Gefühlt ewig dauerte es, bis sie feststellte, dass mein Handgelenk gebrochen sei. Nun, diese Erkenntnis war für mich nichts Neues. Interessanter wurde es, als sie mir mitteilte, dass es sich um einen komplizierten Bruch handeln würde. Erneut verging einige Zeit bis sie mich unterrichtete, dass man die Fraktur in der Klinik richten könnte. Meine wachsende und vielleicht auch ein wenig naive Hoffnung, ich könnte eventuell doch das Weihnachtsfest wie geplant mit meiner Familie feiern zerschlug sich, als die Medizinerin sagte, dass die für den Eingriff „benötigten Teile“ in ungefähr einer Woche vorrätig sein und ich die Wartezeit im Krankenhaus verbringen solle. Allmählich wurde mir bewusst, dass meine Reise hier endet. I

Nach einer ausführlichen Besprechung mit meinem Bruder am Abend traf ich die Entscheidung, nicht nach moderneren Kliniken in Kolumbien zu suchen, sondern umgehend Vorbereitungen für eine sofortige Rückreise nach Deutschland zu treffen um mich dort medizinisch versorgen zu lassen. Es war beschlossen, es geht zurück.

Den nächsten Tag verbrachte ich auf der Polizeistation Salentos, um dort den Überfall zur Anzeige zu bringen, die Aufnahmen der Videokameras zu sichten und entsetzte Anteilnahme der Bewohner entgegen zu nehmen. Für sie ist es schier unerklärlich, wie so eine Tat in ihrem Dorf passieren konnte. Seit mehr als 25 Jahren hat sich hier so etwas nicht mehr ereignet.

Mein Schicksal nimmt unveränderlich seinen Lauf und ich bin froh, dass ich „nur“ mit einem gebrochenem Handgelenk und einem gehörigen Schock entkommen konnte. Seit dem Geschehen sind jetzt mehr als zwei Monate verstrichen. Ich habe drei Operationen über mich ergehen lassen und bin nun immer zuversichtlicher, dass ich das Leben bald wieder voller Kraft beim Schopfe packen kann. Es hat noch so viel zu bieten und ich bin gespannt, wohin die Reise mich noch führen wird.

13 Monate Traumreise nehmen also ein abruptes Ende. Was ich in der Zeit vor und nach dem Überfall erlebt habe, werde ich noch erzählen. Also wird es noch weiter heißen:

Ich werde wieder berichten..

Euer Thilo


4 Gedanken zu “Ein dramatischer Zwischenfall – das Ende einer Traumreise..

  1. Hi Thilo,

    was ein bummer ! Hoffe, es geht dir inzwischn wieder einigermaßen. Wenn Du noch in Mainz bist, dann meld dich mal – wir sollten uns dann mal treffen !
    LG
    Thomas

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