Vom Westen über das Zentrum nach Osten..

Nach den ersten tollen Erfahrungen in Montevideo entschließe ich mich, mehr von dem Land zu entdecken und nehme den Bus nach Salto. Ich erwarte eine zehrende Fahrt in einem, wie sie sich in der Hauptstadt wirklich häufig so präsentieren, in die Jahre gekommenen Gefährt mit viel Geklapper und lautem Motor. Bei der Ankunft am Bus-Terminal Tres Cruses werde ich eines Besseren belehrt: mein Transportmittel für die 6 Stunden dauernde Fahrt ist nagelneu, die Sitze entsprechen wahrscheinlich den First-Class-Sesseln großer Langstreckenflugzeuge, die Beinfreiheit macht bestimmt auch 2m-Menschen Freude und..kostenloses WLAN an Bord ist hier eine Selbstverständlichkeit. Die Fahrt kann beginnen.

Ich bin natürlich sehr gespannt, wie sich mir das Land präsentieren wird und was ich alles zu sehen bekomme. Schließlich ist es meine erste Überlandfahrt in Südamerika und ich brenne darauf, neue Landschaften zu entdecken und andere Ortschaften sowie die Flora in Augenschein nehmen zu können. Es stellt sich heraus, dass Uruguay über die gesamte Fläche ein flaches Land ist, das lediglich durch zahlreiche kleine Hügel ein bisschen mehr Kontur bekommt. Weiter aufgelockert wird die monotone Ebene durch zahlreiche Gruppierungen von Bäumen, die in der Weite verloren wirken, und vielen kleineren und größeren Seen und Flussläufen. Das sehr grüne Land ist fast ununterbrochen eingezäunt und wird von unendlich vielen Rindern und Schafen beweidet. Dörfer oder kleinere Städte liegen meist viel weiter entfernt auseinander als bei uns, haben aber alle gemeinsam, dass die  Kirche als alles überragendes Gebäude im Zentrum thront.

Salto ist mit 100.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes und liegt im Nord-Westen des Landes circa 600 km von der Hauptstadt entfernt. Die Siedlung ist im Osten von dem Fluss Rio Uruguay begrenzt und breitet sich ansonsten wie Montevideo in Planquadratischer Gestaltung in alle Richtungen aus. Der Fluss ist nicht nur Transportweg und Angelterrain sondern auch die Grenze zu Argentinien. Ein erster Blick also auf mein auf Uruguay folgendes Reiseland.

dsc00109

Die Beschreibung von Salto jedoch ist schnell erledigt. Im Wesentlichen ist alles auf die Straße namens Calle Uruguay ausgrichtet. Hier findet man die meisten Läden, Restaurants und Bars, Banken und Ämter und alle weiteren Einrichtungen der Stadt. Der wirklich lebendige Teil der Straße wird von zwei Plätzen eingefasst, die von Bäumen gesäumt eine prima Gelegenheit zum Ausruhen im Schatten bieten. Ansonsten hat die Stadt außer einem Park, vielen Sport- und weiteren Einkaufsmöglichkeiten rund um das Bus-Terminal nur noch ein paar Schienen-Reste vorzuweisen, die auf die einstige Existenz von Zügen in Uruguay hinweisen. Zwei bekannte Söhne hat die Stadt schon hervorgebracht – die Fußballspieler Suarez und Cavani. Erstgenannter wird in seiner Freizeit noch häufig bei Besuchen seiner Familie in der Stadt gesehen – nicht nur als Statue, die man ihm zu Ehren schon in der Calle Uruguay aufgestellt hat.

Salto wäre insgesamt nicht wirklich als sehenswert zu bezeichnen, hätte ich dort nicht zwei äußerst fröhliche Abende erlebt. Am ersten Abend entscheide ich mich, den für Uruguay typischen und weit verbreiteten Chivito (Burger) zu essen und deswegen ein Restaurant an der Calle Uruguay aufzusuchen, was ich bei meiner ersten Erkundung schon entdeckt habe. Um mich bemühen sich Sandra und Juan und versorgen mich neben dem Essen und Getränken mit reichlich Anekdoten über das Leben in Salto. Wir plaudern und kommen über entfernte Reiseziele gemeinsam ins Träumen.

Am nächsten Abend treffe ich mich mit Franco, den ich bereits im Flugzeug kennen gelernt hatte und dessen Bruder mich gleich zur Begrüßung auf eine ausgedehnte Stadtrundfahrt vom Flughafen aus mitnahm. Alleine schon die Begrüßung fällt herzlich aus und bei einer Stadtrundfahrt durch Salto und einem ersten Getränk tauschen wir uns über das bisher Erlebte aus. Da er nur für einen 20 tägigen Heimaturlaub in Salto weilt und bald wieder nach Mallorca zurück kehren muss, erlebt auch er die Zeit wie ein Tourist und kann mich somit prima verstehen. Dann möchte er ich mich seinen Eltern vorstellen und ich willige ein. Daraus wurde ein sehr langer Abend mit superfreundlichen und weltoffenen Menschen, den ich bestimmt nicht vergessen werde. Es wurde aufgetischt, was der Kühlschrank und Lieferservice hergaben, gemischt mit vielen Erzählungen und ganz großem Gelächter. Wie kann das denn sein, wo ich der spanischen Sprache auch nicht im Ansatz für so einen Abend Herr bin? „Google-Translater“ ist das Stichwort. Nachdem ich an die Mutter von Franco auf diese Weise die ersten Sätze gerichtet hatte, installiert sie sofort diese App und es beginnt eine Unterhaltung, bei der kein Auge trocken bleibt. Nach vielen lustigen Momenten brechen Franco und ich auf und wollen noch die Calle Uruguay unsicher machen. Die Verabschiedung fällt sehr herzlich aus nebst Einladung, unbedingt wieder zu kommen. Und es ist ehrlich gemeint. Beseelt von so einem tollen Abend fahren wir in die Stadt und..gehen  in das gleiche Restaurant wie ich am Abend zuvor. Franco fällt aus allen Wolken, als mich Sandra und Juan mich freudig mit meinem Namen begrüßen und ich ihn den Beiden vorstellen kann…und das nach nur einem Abend in „seiner Stadt“.

Nach diesen tollen Erlebnissen kehre ich wieder nach Montevideo zurück und wohne erneut bei Esther. Wir beschließen, in die In-Bar schlechthin zu gehen – mich erwartet erneut ein unvergesslicher Abend. Diese Bar besteht schon seit über  100 Jahren und ist dafür bekannt, Bühne für Musiker und Tänzer zu sein. So auch an diesem Abend und ich erlebe einen Moment, für den sich alleine schon die Reise nach Südamerika jetzt schon gelohnt hat. Genau so etwas wollte ich erleben.

Am nächsten Abend entführt mich Esther erneut in das Nachtleben. Diesmal treffen wir ihren Sohn, der mit seiner Musiktruppe Catombe spielt – eine traditionelle Form von Musik, bei der ausschließlich Trommeln verschiedener Größe verwendet werden und die man von Spiel zu Spiel frei erfindet. Einzig gilt es dabei, den Grundrhythmus zu wahren. Aber neben dem Trommeln, teilweise auch begleitet von Gesängen, ist das Treffen, das Reden, das Mate-Trinken zusammen mit den Anderen das Wesentliche.

Mit solch fantastischen Eindrücken beladen und nach den vielfältigen Erlebnissen der Entdeckung von Uruguay und Montevideo beschließe ich, ein paar Tage Urlaub zu machen und fahre deswegen mit dem Bus nach La Paloma an der Ostküste. Dort suche ich nach den ganzen Emotionen der Reisevorbereitung und dem Start selbst ein bisschen Ruhe und erhoffe mir, alles ein wenig zu verarbeiten.

La Paloma liegt circa 300 km nord-östlich von Montevideo an der Küste und ist bekannt als Sommerurlaubsort mit Kultstatus in Südamerika. In den Sommermonaten ist hier nur schwer eine Unterkunft zu finden und Gäste aus Argentinien, Brasilien und dem Rest der Welt teilen sich die traumhaften Strände der Region. Meine Casa liegt nur weniger Schritte entfernt von der Hauptstraße und der Strand ist nur wenige Gehminuten entfernt – die Eigentümerin hat hier ein recht alternatives Domizil geschaffen, was eher den Bedürfnissen eines Surfers genügt. Ein Surfer bin ich (noch) nicht, fühle mich aber von Anfang sehr wohl.

Die Busfahrt selbst war wiederum aufgrund des gebotenen Komforts sehr entspannend. Neben mir nimmt Sacha Platz und sie sollte sich später für mich noch als Glücksfall erweisen. Wegen ihrer zahlreichen Aufenthalte im Ausland spricht sie einwandfreies Englisch und während unserer Unterhaltung erweist sie sich als Kennerin ihres Landes und steht mir mit Tipps und Ratschlägen zu verfügen. Unterwegs stelle ich auch fest, dass die Ebene an der Küste sogar ein paar Berge vorweisen kann und die Monotonie des Flachlandes hier nicht zur Geltung kommt.

La Paloma besteht selbst nur aus einer großen Straße. Die zahlreichen Ferienhäuser reihen sich an meist an nicht asphaltierten Wegen auf, sodass man fast überall das Gefühl hat, am Strand entlang zu gehen. Und darum geht es hier ja. Einfach ein Traum!

Sacha treffe ich wieder und wir gehen zur Touristenattraktion, dem Leuchtturm. Aus 30m Höhe genießt man einen einzigartigen Blick über die Bucht und mit ein bisschen Glück kann man in den Monaten August bis Oktober Wale beobachten.

Abends speise ich in den Restaurants entlang der Hauptstraße. Es ist noch Nebensaison und noch nicht alle Restaurants und Bars haben geöffnet. Allerdings werden überall Vorbereitungen getroffen, um die in den Monaten Januar bis März in Massen erscheinenden Touristen entsprechend empfangen und glücklich machen zu können. Ich bin es bereits jetzt schon.

Die Zeit vergeht obwohl Nichtstun, Baden, Sonnen und Relaxen wie im Fluge und schon bin ich wieder zurück in Montevideo.

Das nächste Reiseziel, Punta del Este, steht schon fest. Davon, und von den Erlebnissen, berichte ich dann in meinem nächsten Artikel.

Sonnige Grüße aus Uruguay!

Euer Thilo

(siehe auch: Stationen und Distanzen)

 


4 Gedanken zu “Vom Westen über das Zentrum nach Osten..

  1. It’s very nice everthing you say abaut my country. Como back whenever you want: you’ll be in yur house!
    Big hug…

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu Juan Antwort abbrechen